Medizinisches Cannabis und Schmerz: Aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse
Schmerzen, die über einen längeren Zeitraum bestehen, stellen sowohl für Betroffene als auch für das Gesundheitswesen eine Herausforderung dar. Entsprechend groß ist das wissenschaftliche Interesse an unterschiedlichen Behandlungsansätzen. So beschäftigen sich seit mehreren Jahren zahlreiche Forschende mit der Frage, wie Cannabinoide mit dem Endocannabinoid-System interagieren und welche Auswirkungen dies auf die Verarbeitung von Schmerzreizen haben kann. Dabei unterscheiden sich die Wirkmechanismen von Cannabinoiden in wesentlichen Punkten von denen klassischer Analgetika (Schmerzmittel). Deshalb gibt der vorliegende Artikel einen Überblick über die aktuellen Forschungsergebnisse im Zusammenhang mit Schmerzverarbeitung und cannabinoidbasierten Arzneimitteln.
THC und seine Wechselwirkung mit dem Endocannabinoid-System
Die Cannabinoide der Cannabispflanze wie Tetrahydrocannabinol (THC) und Cannabidiol (CBD) interagieren mit dem Endocannabinoid-System (EC). Dieses körpereigene Regulationssystem kann verschiedene physiologische Prozesse beeinflussen, darunter auch die Verarbeitung von Schmerzreizen bzw. Schmerzwahrenhmung.¹
THC bindet vorwiegend an den Cannabinoid-Rezeptor 1 (CB1), der vermehrt im zentralen Nervensystem (Gehirn und Rückenmark) angesiedelt ist² Die Aktivierung dieses Rezeptors durch THC kann Studien zufolge unter anderem die Ausschüttung bestimmter Neurotransmitter verändern und die Signalübertragung zwischen Nervenzellen modulieren.² ³
Bildgebende Verfahren wie die funktionelle Magnetresonanztomographie (fMRT) zeigen in Untersuchungen, dass THC mit Veränderungen der Aktivität in verschiedenen Hirnarealen assoziiert sein kann. Hierzu zählen unter anderem Regionen, die an Aufmerksamkeit, emotionaler Verarbeitung und kognitiver Bewertung beteiligt sind.² ³
Forschungsstand zu Medizinalcannabis bei chronischen Schmerzen
Chronische Schmerzen gehören zu den am häufigsten untersuchten Anwendungsgebieten cannabinoidbasierter Arzneimittel. In den vergangenen Jahren wurden hierzu zahlreiche klinische Studien, systematische Übersichtsarbeiten und Metaanalysen veröffentlicht.
Besonders umfangreich ist die Literatur im Bereich chronischer neuropathischer Schmerzen. Für andere Formen chronischer Schmerzen liegen ebenfalls Untersuchungen vor, deren Ergebnisse teilweise unterschiedlich ausfallen. Aus diesem Grund wird die Evidenzlage fortlaufend durch weitere klinische Studien und wissenschaftliche Auswertungen ergänzt und neu bewertet.4-6
Keine einheitlichen Ergebnisse zu Medizinalcannabis bei Schmerzen
Die Ergebnisse der bisherigen Forschung fallen nicht einheitlich aus. Grund hierfür sind unter anderem folgende Faktoren:7, 8
- Unterschiede in der Zusammensetzung der untersuchten cannabisbasierten Arzneimittel.
- Abweichende THC- und CBD-Gehalte der verwendeten Präparate.
- Verschiedene Darreichungs- und Anwendungsformen, beispielsweise Kapseln, Mundsprays, ölige Lösungen oder inhalativ angewendete Cannabisarzneimittel.
- Unterschiede hinsichtlich der untersuchten Schmerzformen und Patientengruppen.
- Variationen bei Dosierung, Behandlungsdauer und Studiendesign.
Dementsprechend lassen sich die Ergebnisse einzelner Studien nur eingeschränkt miteinander vergleichen.
Mögliche unerwünschte Begleiterscheinungen
Neben den potenziellen Effekten werden in Studien auch regelmäßig Sicherheitsaspekte und die Verträglichkeit der jeweiligen Präparate bewertet.4-8
Häufig werden in der Literatur folgende Begleiterscheinungen beschrieben:
- Schwindel
- Müdigkeit oder Benommenheit
- Mundtrockenheit
- Übelkeit
- Veränderungen der Muskelspannung
- erhöhte Herzfrequenz
- Appetitveränderungen
- Konzentrationsstörungen
- veränderte Wahrnehmung von Zeit, Raum oder dem eigenen Körper
Wie diese Effekte individuell erlebt werden, kann von zahlreichen Einflussfaktoren abhängen, darunter:
- individuelle Vorerfahrungen mit Cannabis
- Dosierung des jeweiligen Arzneimittels
- Art der Anwendung
- persönliche Empfindlichkeit gegenüber Cannabinoiden
- psychische und körperliche Verfassung
- situative Rahmenbedingungen
- individuelle Erwartungen
Die Ausprägung und Wahrnehmung der beschriebenen Effekte können daher von Person zu Person unterschiedlich sein.
Um das Auftreten von Begleiterscheinungen zu reduzieren, beginnt eine ärztlich begleitete Therapie in der Regel mit einer schrittweisen Aufdosierung. Individuelle Reaktionen und die Verträglichkeit der Behandlung werden dabei regelmäßig überprüft und berücksichtigt.